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Sterbehilfediskussion

Die öffentliche Debatte um ein menschenwürdiges Lebensende schwillt an: sie hatte so richtig begonnen im Vorfeld des sog. Patientenverfügungsgesetzes von 2009, gefolgt 2010 vom Prozess von Rechtsanwalt Wolfgang Putz, der seiner Mandantin geraten hatte, den Versorgungsschlauch ihrer komatösen Mutter zu durchtrennen und deshalb in Fulda verurteilt wurde. Dann folgte der posthume Prozess von H. Koch um Sterbehilfe für seine Frau, die Musterberufsordnung der Bundesärztekammer mit dem absoluten Verbot jeglicher ärztlicher Beihilfe zum Sterben, die hervorragende ARD-Themenwoche im November 2012 zum Thema Sterben und schließlich die Freitodmeldungen prominenter Deutscher in allen Medien. Umfragen wie die von Forsa im September 2012 bestätigen, dass 77 – 85 % aller erwachsenen Deutschen von ihren Ärzten mehr erwarten als Lebensverlängerung selbst gegen ihren erklärten Willen – so sie ihn denn in einer Patientenverfügung vorsorglich zum Ausdruck gebracht haben.

Die Diskussion ist getragen von einer Schnelllebigkeit der Informationen und Reaktionen darauf. Oft wird sie geführt in Talkshow- oder Facebook-Format. Kurze Statements, die schnell ausgedacht und -gesprochen, möglichst griffig sein müssen. Das kann im Einzelfall zum Thema hinführen. Aber es führt nicht dazu, dass wichtige Standpunkte sich in Ruhe aneinander reiben, um dann vielleicht sinnvoll miteinander abgeglichen werden zu können.

Wir – Elke Baezner, Präsidentin der Gesellschaft für Humanes Sterben e. V. und Thomas Sitte, Vorstandsvorsitzender der Deutschen PalliativStiftung – haben in persönlichen Gesprächen gesehen, dass wir auf beiden Seiten für die Rechte der Patienten und eine bessere Lebensqualität in schwerer Krankheit eintreten. Hierbei haben wir teils völlig verschiedene Wertvorstellungen, die zu diametralen Konsequenzen führen. Teils eint uns auch der Kampf für eine bessere hospizlich-palliative Versorgung. Dabei sind Schnellschüsse, Agitation und aufschäumende Emotionen für eine zielführende Diskussion meist wenig hilfreich.

Wir wollen versuchen, in einer neuen (alten) Form des Diskurses Argumente vorzutragen und vielleicht einen kleinsten, gemeinsamen Nenner zu finden, der von unserer Gesellschaft mitgetragen werden kann. Das Wissen um die Möglichkeiten hospizlich-palliativer Versorgung soll ganz tief in alle gesellschaftlichen Schichten getragen werden und dadurch der Wunsch nach vorzeitiger Verkürzung des Lebens aus Angst vor Leiden abnehmen. Da sind wir ganz nah beieinander.

Hierzu haben wir die Form eines Briefwechsels gewählt. Die einzelnen Briefe wollen wir recht kurz halten. Ladies first, Frau Baezner wird beginnen. Herr Sitte wird antworten. Aber nicht früher als nach zwei Tagen, Gedanken brauchen etwas Zeit, so wie sie die Post früher brauchte. Diese „Briefe“ werden auf dieser Website veröffentlich, dabei haben wir uns bewusst gegen eine Kommentarfunktion entschieden, damit wir in unserem Streitgespräch nicht immer noch auf Dritte eingehen müssen, die vielleicht nur kurz vorbeischauen.

Auch wollen wir uns vor überkochenden Emotionen und extremen Standpunkten hüten, sicher wird unsere Diskussion trotzdem von unseren eigenen, persönlichen Wertvorstellungen, Lebenserfahrungen und Meinungen geprägt sein. Wir sind gespannt, wie der Versuch verlaufen und ausgehen wird.

Beiträge



Berlin/ Genf, den 7. März 2013

Sehr geehrter Herr Sitte,

Dem Freitod von Gunther Sachs, Hannelore Kohl, das Ehepaar von Brauchitsch, der Fussballer Konietzka und kürzlich Otto Beisheim ist eines gemeinsam: die wachsende Erkenntnis ihrer hoffnungslosen gesundheitliche Lage trotz Einsatz aller verfügbaren Mittel. Sie entschieden sich zum Freitod im Wissen um die unaufhaltsame Entwicklung ihres Zustandes, die ihnen bevorstand. Sollten sie darüber eine Depression entwickelt haben, so wäre diese keinesfalls mit einer psychischen Krankheit gleichzusetzen. Diese Menschen, bekannt als starke Persönlichkeiten, entschieden sich aber auch für den eigenverantworteten Freitod aus Verzweiflung darüber, dass sie offenbar von ihren Ärzten keine tätige Hilfe erhoffen durften.

Ist Selbstbestimmung im Leben und im Sterben in Deutschland nur eine leere Worthülse? Müssen wir Deutschen wirklich am Ende unseres Lebens in die Schweiz reisen, weil die Deutsche Bundesärztekammer ihren Mitgliedern die Fähigkeit zur eigenen Gewissensentscheidung offenbar nicht zutraut? Ist Palliativmedizin, die den Sterbenden in den allerletzten Stunden, Tagen, Wochen durchaus effizient Erleichterung verschaffen kann, wirklich die einzige Antwort auf die vielfältigen Bedürfnisse von an sich selbst leidenden Schwerstkranken, bei denen der eigentliche Sterbeprozess aber noch nicht eingesetzt hat ? Die DGHS wünscht sich ein Beratungsangebot, das in letzter Konsequenz auch die (ärztlich) assistierte Freitodhilfe als ultima ratio nicht ausschließt.

Was meinen Sie dazu? Ich freue mich auf Ihre Antwort.


Ihre Elke Baezner
Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS)

geschrieben am: 15.03.2013 09:44:37

Liebe Frau Baezner,

für mich sind Hospizarbeit und Palliativversorgung eine klare und effektive Antwort auf den Todeswunsch aus Angst vor körperlichem Leiden. Da habe ich sehr persönliche und vielfältige Erfahrungen.
Vor Jahrzehnten betreute ich als Arzt eine junge Patientin in Berlin mehrere Monate. Dann stand mir ein Wechsel bevor und sie bat mich, ganz konkret, sie zu töten. Wir haben darüber stundenlang gesprochen. Ich habe ihr schweren Herzens (!) den verständlichen Wunsch abgeschlagen und diese Last werde ich mein Leben lang in mir tragen.

Warum wollte sie getötet werden? Sie hatte großes Vertrauen zu mir. Wir waren uns sicher auch sympathisch, die Chemie stimmte einfach im Arzt-Patienten-Verhältnis. Sie hatte eine tückische Krankheit und konnte inzwischen Arme und Beine nicht mehr bewegen. Es war eine Frage der Zeit, dass sie auch nicht mehr atmen konnte und ich würde Berlin bald verlassen. Sie wusste, sie wird gegen ihren Willen am Leben erhalten. So – völlig bewegungsunfähig – konnte sie bei „guter“ Versorgung lange leben. Ein grausiger Gedanke für den, der so nicht leben will.

Die Rechtslage war genauso eindeutig wie heute und die medizinischen Möglichkeiten waren damals genauso gegeben wie heute. Es war nur noch viel unbekannter als heute, und auch heute ist Unwissen und Unsicherheit über Recht und Möglichkeiten am Lebensende eigentlich immer noch üblich. Diese junge Frau hätte keine Angst haben müssen, sie hätte gar nicht beatmet werden dürfen, sondern, Ihrem Wunsch entsprechend sanft, schmerzfrei und ohne Atemnot bei Fortschreiten der Krankheit an der Lähmung sterben dürfen. Ohne etwas zu beschleunigen oder zu verhindern.
Ich weiß nicht, wie es Ihr ergangen ist. Ich fürchte, es ist das für sie schlimmste geschehen, man hat sie gegen ihren Willen am Leben erhalten.

Ich würde diese junge Frau auch heute nicht töten oder ihr beim Suizid helfen. Aber ich würde heute alles dafür tun, dass sie palliativ behandelt wird und so begleitet sterben darf.

geschrieben am: 16.03.2013 17:29:32

Lieber Herr Sitte,

Diese von Ihnen beschriebene Situation ist kein Einzelfall. Sie kennen sicher die Schweizer Studie: Palliativversorgung macht Suizidwunsch nicht obsolet, in: springermedizin.de, publiziert am 15.3.2013. Der Autor, Dr. Robert Bublak, schreibt dort: „Den Sterbenden ging es bei dem Entschluss, sich bei der Selbsttötung helfen zu lassen, laut den Auskünften der Angehörigen bis auf eine Ausnahme nicht darum, Schmerzen und anderen mit dem Krebsleiden einhergehenden Beschwerden zu entkommen. Vielmehr waren existentielle Bedrängnis und die Furcht, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, die massgebenden Motive. Wir stellen fest, dass die palliative Versorgung eine zwar notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung dafür ist, assistierten Suizid in jedem Fall zu verhindern“. Ebenso erfreulich wie unerwartet die Feststellung: „Unterstützt wird diese Folgerung von einem Bericht der European Association for Palliative Care.“ Also keineswegs von sektiererischen Verfechtern der Freitod- und Sterbehilfe.
Die DGHS vertritt das Recht jedes Menschen auf Selbstbestimmung bis zum Lebensende. Das heisst auch, dass es der persönlichen Entscheidung des Kranken überlassen sein muss, sich für eine palliative Behandlung oder aber für einen (ärztlich, also professionell) assistierten Freitod zu entscheiden. Beide Wege müssen dem Kranken offen stehen – ohne jede moralische Wertung. Und der (ärztliche) Helfer muss bei einer frei verantworteten Entscheidung vor strafrechtlicher Verfolgung sicher sein.

Bereits 2008 ergab eine höchst wissenschaftliche Studie, die zehn Jahre lang in Oregon geführt worden war, dem ersten Staat der USA, in dem PAD, Physician Assisted Death nach strengsten Kriterien legalisiert worden war, Folgendes:
89,9 % der Personen, die trotz guter Hospiz-Pflege Freitodhilfe in Anspruch nahmen, wollten ihre Autonomie nicht weiter verlieren, 87,4 % bedauerten, nichts mehr tun zu können, was ihr Leben lebenswert machte, 83,8 % beklagten den Verlust ihrer Würde, und nur 23,9 % litten an nicht behandelbaren Scherzen oder hatten Angst davor. Finanzielle Probleme hatten nur 2,8 % der Sterbewilligen. Die meisten waren zwischen 65 und 84 Jahre alt, verheiratet, 92 % davon hatten Baccalaureat-, College- oder High Scool-Abschluss.

Ich glaube, diese Zahlen sprechen für sich und bestätigen: Wenn Menschen eines Tages vielleicht um Freitodhilfe bitten, dann aufgrund ihrer höchstpersönlichen Wertvorstellungen.

Herzlich

Elke Baezner

geschrieben am: 25.03.2013 13:54:59

Liebe Frau Baezner,

da scheinen wir uns ja ein Stück weit einig zu sein. Wobei ich noch nicht genau sehe, wie Sie selber es sehen, wenn jemand wie diese Frau um Tötung oder auch nur Suizidassistenz bittet. Völlig verständlich bittet.

Für mich ist es so, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass solch ein Wunsch geäußert wird, weil nicht bekannt ist, was man sonst machen kann, darf oder sogar muss. Möchte ein Mensch „so nicht weiter leben“, muss und darf er auch nicht gegen seinen Willen behandelt werden. Gerade bei Krankheiten, die irgendwann eine Schwäche und ein Versagen der Atmung zur Folge haben, kommt dann immer ein gnädiger Tod, wenn man eventuell auftretende Atemnot mit Medikamenten und vor allem menschlichem Beistand lindert. Ich bin Anästhesist, natürlich kann ich Atemnot IMMER zu 100% beseitigen, wie auch jeder Anästhesist jeden Schmerz beseitigen kann. Nur dass die Behandlung dann ein gleitender Übergang in eine Narkose sein kann.
Könnten wir uns hier soweit einigen?

Wenn ein Mensch Angst hat vor möglichem (und nicht erträglichem) Leid, dann müssen wir gemeinsam alles dafür tun, dass dieses mögliche Leid nicht so auftritt, dass dieser Mensch es nicht mehr ertragen kann. Nur ist es ja im Augenblick in der öffentlichen Diskussion so, dass die Protagonisten immer wieder davon sprechen, dass man ohne den Weg der Selbsttötung ja vielleicht unerträgliche Schmerzen leiden müsste.

Also nur wenn wir dem um Hilfe Suchenden diese Gewissheit bieten können, kann er auch ohne die Angst und Sorge vor dem Leid weiter leben. Wir haben da ein großes Spektrum medizinischer Möglichkeiten, wir haben das notwendige Fachwissen dazu, wir haben Experten, die dieses Wissen umsetzen können. Erst dann, wenn wir Menschen die Gewissheit haben, nicht unnötig, nicht unerwünscht, nicht mehr leiden zu müssen als wir wollen und können, erst dann gäbe es doch überhaupt eine Möglichkeit zu entscheiden, ob es sich doch noch lohnen kann, noch weiter zu leben.


Mit besten Grüßen, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 25.03.2013 16:17:03

Lieber Herr Sitte,

In Ihrem Schlusssatz drücken Sie aus, was die meisten Menschen am Lebensende ängstigt. Körperliche Schmerzen oder Atemnot können Sie als Anästhesist in der Tat weitestgehend beheben. Aber wird ein Palliativmediziner mit seinen Möglichkeiten einem hochgradig gelähmten Menschen ohne Aussicht auf Heilung oder Besserung, der seine Hilflosigkeit angesichts seiner totalen, dauerhaften Pflegebedürftigkeit bei vollem Bewusstsein miterlebt, oder einem Menschen mit altersbedingter zunehmender Hinfälligkeit, oder einem Alzheimer-Kranken, der mit Blick auf die ihm verbleibenden Lebensperspektiven lieber sterben will, „vor der Zeit“ helfen ? Kann in den beiden beispielhaft genannten Fällen die palliative, früher terminale Sedierung genannt, die Lösung sein, also ein künstlich herbeigeführtes Koma, in dessen Verlauf der Kranke meist erst nach Tagen stirbt?

Es stimmt: Heute schon muss und darf der Kranke nicht gegen seinen Willen behandelt werden. „Nicht mehr leiden zu müssen als wir wollen und können“ bedeutet aber für manche Menschen, diesen Zustand eben schon vor der eigentlichen Sterbephase zu beenden, weil sie, wenn sie z.B. Kot erbrechen, dies als ekelerregend und entwürdigend empfinden.

Sie sagen selbst, dass oft nicht bekannt ist, was „man sonst noch machen kann, darf oder sogar muss“. Einverstanden ! Deshalb schlägt die DGHS in ihrem Gesetzentwurf vom vergangenen Herbst, dem Suizid-Präventions-Gesetz SPG ja vor, dass kompetente, multidisziplinäre Berater zu Hause oder an einem neutralen Ort mit dem Sterbewilligen erst einmal seine Situation von allen Seiten beleuchten. Die Berater sollen ihm zunächst alle denkbaren Hilfen zum Weiterleben anbieten, aber auf keinen Fall aufdrängen ! Er soll mit ihnen über seine Wertvorstellungen reden können ohne Angst vor moralischer Be- und Verurteilung. Wenn der entscheidungsfähige Sterbenskranke seine Situation weiterhin als unerträglich einschätzt, dann allerdings soll das Beratungsangebot auch die (ärztlich) assistierte Freitodhilfe nicht ausschliessen. Und dann muss es Ärzte geben, die die dafür nötigen und geeigneten Medikamente verschreiben, ohne Angst vor standesrechtlichen Sanktionen. Nach der allgemeinen deutschen Rechtsprechung ist das erlaubt, sofern die Tatherrschaft beim Sterbewilligen liegt und er von der Garantenpflicht befreit ist.

Wären Sie so ein Arzt ?

Herzlich

Elke Baezner

geschrieben am: 30.03.2013 09:05:04

Liebe Frau Baezner,



ja, wir Ärzte können am Besten bei körperlichen Schmerzen oder Atemnot effektiv behandeln, beistehen kann ich als Palliativmediziner, als Arzt, als Mensch aber auch immer einem hochgradig gelähmten Menschen ohne Aussicht auf Heilung oder Besserung, der seine Hilflosigkeit angesichts seiner totalen, dauerhaften Pflegebedürftigkeit bei vollem Bewusstsein miterlebt, oder einem Menschen mit altersbedingter zunehmender Hinfälligkeit, oder einem Alzheimer-Kranken, der mit Blick auf die ihm verbleibenden Lebensperspektiven lieber sterben will.

Ich glaube aber nicht, dass ich so ein Arzt wäre, das Sterben bewusst zu beschleunigen, wenn man mich darum bittet. Und ich hoffe, dass es so bleibt.

Denn keine palliativmedizinische, keine ärztliche Aufgabe ist es, diesen Sterben „nachzuhelfen“, es zu beschleunigen. Ob dies eine menschliche Aufgabe, eine Aufgabe für Verwandte, Freunde, Nahestehende sein kann, mag jeder persönlich für sich entscheiden. Solche eine generelle Aussage steht mir aus palliativmedizinischer, ärztlicher Sicht nicht zu.

Auf jeden Fall ist es zu begrüßen, dass diese Menschen, die vor ihrer Zeit sterben wollen, umfassend beraten werden. Ich sehe es, wie bei der Schwangerenberatung für die Abtreibung. Donum Vitae war einst in Deutschland heiß umstritten, darf man das? Eine Beratung für Schwangere, die eine Abtreibung ermöglicht, aber um Abtreibungen zu verhindern? Deren Praxis hat gezeigt, dass manch eine Frau, die sich beraten lies, ein Jahr später mit dem Schein in der Hand und einem Kind auf dem Arm zurückkam. Wäre dieses Kind denn ohne Donum Vitae wohl auch geboren worden?

Deswegen wäre ich so ein Arzt, der zur Verfügung steht, wenn es um die Beratung von Suizidwilligigen geht, wenn es darum geht, Alternativen aufzuzeigen, die nicht bekannt waren, der kreativ ungewöhnliche Wege sucht, weiter leben zu können. Auch wenn diese Wege bei vielen anderen, bei der Mehrheit anecken und als kaum akzeptabel erscheinen.

Und zu einer Beratung zum Suizid – oder besser zum Weiterleben – gehörten zwingend auch die Möglichkeiten der praktischen Umsetzung der Hilfen zum Weiterleben! In diesen Punkten kann ich Ihre Forderungen vollkommen mittragen.

Bis bald, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 03.04.2013 22:48:22

Lieber Herr Sitte,
Die Medizin hat im letzten Jahrhundert Enormes geleistet, um den Menschen in gesundheitlichen Krisensituationen wieder zu einem für sie lebenswerten Leben zu verhelfen, oder aber ihnen Erleichterung zu verschaffen, wenn es auf den Tod zugeht.
Ihre Empathie mit Menschen in den beschriebenen Situationen, die nicht an ihren Schmerzen verzweifeln, sondern an den Begleitumständen ihrer unheilbaren Krankheit, ehrt Sie. Dass Sie als Palliativmediziner Sterbehilfe, auch Hilfe zu einem Bilanzsuizid, nicht leisten wollen, ist durchaus nachvollziehbar. Das Selbstbestimmungsrecht gilt schliesslich für die Patienten wie für die Ärzte. Sie lassen immerhin Toleranz erkennen für den Wunsch schwer leidender Menschen, die trotz bestmöglicher Beratung und Vermittlung aller erdenklichen Hilfen und trotz kompetenter palliativer Versorgung rechtzeitig in Würde gehen wollen, also angst- und schmerzfrei, aber auch mit dem Anspruch, ihren Nahestehenden ein erträgliches Bild von sich selbst zu hinterlassen.
Nun haben aber Verwandte, Freunde, Nahestehende selten die Möglichkeit, dem Sterbewilligen mit geeigneten Medikamenten zu helfen.Dazu braucht es i.A. wenigstens ein ärztliches Rezept, noch besser die beruhigende Gegenwart eines medizinisch gut ausgebildeten Begleiters. Wir wissen alle, dass die Gewissheit, im schlimmsten Fall kompetente Suizidbeihilfe zu erhalten, sehr oft dazu führt,dass sie nicht in Anspruch genommen wird - genau wie bei der Frau mit ihrem Baby, trotz der Berechtigung zu einer Abtreibung.
Was wir bräuchten, wäre ein Hort oder die Organisation der Betreuung von sterbewilligen und sterbenden Menschen, wo der Tatsache Rechnung getragen wird, dass die Ansprüche und Erwartungen Schwerstkranker nicht linear zum Tod hin verlaufen, sondern sich je nach Evolution des Zustandes ändern können. In diesem Hort wäre Platz für "kreative" Palliativmediziner wie Sie, die aber im Interesse des Leidenden bereit sind, diesen notfalls an einen Kollegen zu verweisen, der die Freitodhilfe übernähme.
Heute noch eine Utopie. Warum eigentlich?

Mein Zitat eines Artikels in der Ärztezeitung, über den Dr.Bublak in springermedizin.de vom 15.3.13 ein Kurzexposé verfasst hatte, gab zu Missverständnissen Anlass, was ich bedaure. Richtig ist: Dr.Bublak ist der Autor des Kurzexposés über den Artikel, nicht aber der Autor der Schweizer Studie. Sie ist nachzulesen unter http://www.springermedizin.de/palliativversorgung-macht-suizidwunsch-nicht-obsolet/4094790.html.

geschrieben am: 08.04.2013 00:53:18

Liebe Frau Baezner,

Sie haben recht, was dringend fehlt ist kompetente Beratung. Und das Wissen, wo man diese Beratung wann erhalten kann.

Die Medizin hat zeitweise technische Fortschritte in großen Sprüngen gemacht, so dass weder ich noch irgendein anderer Arzt noch einen wirklich guten Überblick über die Mittel, Wege und Möglichkeiten haben kann. Auf der Strecke blieben die Fähigkeiten, den rechten Weg vom Irrweg für die Patienten zu unterscheiden und die ständig begleitende interne Diskussion innerhalb der Versorgenden darüber, wie man in diese Unterscheidungen unsere Moral einbinden kann.

Ärztliches Handeln ist leichter als gemeinsam mit dem Patienten nachdenken, darum ringen, Unangemessenes zu unterlassen und das Angemessene zu finden.

Geschweige denn ist irgendein Arzt noch in der Lage, immer sicher beurteilen zu können, welche Behandlung in einer bestimmen Krankheitssituation die beste wäre. Kann es überhaupt die „beste“ Behandlung geben. Ich glaube nicht. Zu sehr ist die angemessene Behandlung von der Lebensituation, den gültigen Wertvorstellungen und der augenblicklichen Einstellung des Patienten abhängig.

Doch zurück zur Beratung. Sie fordern ganz zu recht einen Hort für Schwerstkranke und Sterbewillige an dem wirklich umfassend beraten wird. Ich fürchte er ist eine Utopie, aber keine Illusion. Utopien sollten wir versuchen zu erreichen, wenn wir sie für gut halten. Warum also nicht darüber nachdenken, ...

... wie beraten werden sollte?
Also was eigentlich die Menschen wissen wollen.

... wer beraten sollte?
Wen brauchen wir dabei, welche Kenntnisse und Fähigkeiten sollten Berater besitzen und zur Verfügung stellen können.

... wer vielleicht auch nicht beraten sollte?
Das ist wohl ketzerisch und daran sollten wir uns erst später wagen.

Versuchen wir jetzt vielleicht positives zusammenzutragen. Unser Dialog nimmt einen interessanten Verlauf, mit dem ich so nicht gerechnet habe. Wenn etwas Gutes, ein umgesetztes Ergebnis dabei herauskommt, wunderbar. Wenn es nur Gedankenspiele blieben, so könnten wir auch vieles daraus lernen.

Mit besten Grüßen

Thomas Sitte

geschrieben am: 11.04.2013 12:24:35

Lieber Herr Sitte,

wir sind uns also einig: es braucht in Lebensendsituationen besonders intensive Beratung vor jeder Entscheidung, zum Leben hin, aber auch zum Sterben, wenn der Leidende in seiner Verzweiflung nicht zu Affekthandlungen Zuflucht nehmen soll. Sie soll ehrlich sein, keine falschen Hoffnungen wecken, aber auch alle Möglichkeiten aufzeigen, die zum Weiterleben ermutigen können. Meines Erachtens Beratung durch neutrale, kompetente Personen verschiedener Disziplinen, z.B. aus Medizin, Sozialarbeit, Recht etc. Aber wen meinen Sie mit Ihrer Frage: "wer vielleicht nicht beraten sollte" ? Sollten Sie auf deutsche Sterbehilfeorganisationen anspielen: Ich habe noch nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich bestimmte Auswüchse verurteile. Andererseits bräuchte es solche Organisationen gar nicht, wenn es genügend Ärzte gäbe, die ihrem Patienten nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern offen, beherzt und ungeachtet der angedrohten Sanktionen durch die BÄK zu einem menschenwürdigen Sterben helfen.

Sie schreiben von "Moral", von angemessener und unangemessener Behandlung, vom rechten Weg und vom Irrweg. Wer anders als der betroffene Mensch selbst hat das Recht, zu beurteilen, was für ihn richtig und angemessen ist ?

Und hier weichen Sie meiner Frage aus: Halten Sie den Sterbewunsch eines einschlägig, aber vergeblich auf das Weiterleben hin beratenen Menschen für legitim?
Falls ja, wären Sie bereit, einem aus nachvollziehbaren Gründen Sterbewilligen Möglichkeiten zu einem selbstbestimmten Sterben zu eröffnen, und wenn nötig und erwünscht, ihn dabei auch zu begleiten?
Und wenn Sie sich dazu ausserstande sähen: Würden Sie diesem Sterbewilligen helfen, einen anderen Arzt zu finden, der dazu bereit ist?

Denn die einzige Lösung, die die Palliativmedizin im äussersten Fall und erst kurz vor dem natürlichen Ende anbietet, heisst "Sedierung" unter Entzug von Nahrung und Flüssigkeit, bis der Tod eintritt. Was für eine Hypokrisie !
Was ist der Unterschied, ob ein Arzt einem dringend Sterbewilligen zu einem sanften Tod in ein paar Minuten, oder erst in ein paar Tagen verhilft? Wir furchtbar ist das Warten für die Angehörigen, wie grausam und menschenverachtend das Verfahren!

Danke für eine ehrliche Antwort.
Ihre
Elke Baezner

geschrieben am: 13.04.2013 02:06:51

Liebe Frau Baezner,

eine ehrliche Antwort erhalten Sie von mir immer. Wer sollte nicht beraten? Jemand, der dies so nebenher macht, der keine exzellente Kenntnis der Symptomkontrolle und Palliativversorgung hat. Jemand, der gut gemeint, nur halbgut berät. Theorie und Praxis in der Begleitung am Lebensende sind zwei paar Schuhe. Zwei paar grundverschiedener Schuhe, wie die ausgetretenen, fleckigen Lieblingslatschen, die mich durch den Alltag begleiten und andererseits die perfekt glänzende, aber fast unbenutzten Lackschuhe mit denen manch einer in den Sarg gebettet wird. „

Warum brauchen wir die Ärzte für den Suizid? Wenn es nur darum geht, dass man das Medikament fürs Frühableben erhält, kann das doch auch jeder Apotheker oder Tierarzt auf eine amtliche Bescheinigung hin abgeben. Gesetze kann man doch anpassen, wenn es konsens in der Gesellschaft ist. Todsichere Dosierungen sind einfach zu berechnen.

Aber auch das bräuchte man nicht. Fast alle Suizidwilligen können selber Goggeln und Serven. Da gibt es Tipps und Tricks in ausreichender Zahl wie man leidfrei und auch ästhetisch aus dem Leben scheiden kann.

Vielleicht noch einmal ganz klar. Jeder Sterbewunsch ist legitim und auch legal. Für die Beihilfe zum Suizid braucht es keinen Arzt und andersherum. Welcher Mensch geht denn zum Arzt und bittet um Suizidbeihilfe? Niemand! Ich werde gebeten die todbringende Spritze zu verabreichen. Aber beides ist für mich etwas, für das ich mit dem Berufsbild „Arzt“ nicht zuständig bin. Wenn unsere deutsche Gesellschaft meint, im Rahmen deren vorherrschenden ethischen Vorstellungen den Suizid standardisiert unterstützen zu wollen, dann sollen Sie bitteschön den Beruf oder eher die Funktion des Sterbebeschleunigers einführen.

Warum sollte der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit grausam und inhuman sein. Sicher, für die Angehörigen kann es eine gefühlt kaum erträglich lange Zeit des Wartens und Abschiedsnehmens werden. Aber nicht für den Patienten, der dabei auch in den Tod hineindämmern kann, vom Palliativmediziner oder auch dem normalen Hausarzt gut symptomkontrolliert medikamentös versorgt. Wenn der Patient sich zum Suizid entscheidet, darf diese Entscheidung niemals und unter keinen Umständen von den Wünschen ungeduldiger Angehörige zu getriggert und getrieben werden.

Der Unterschied zwischen dem liebevoll, wartenden Begleiten und der aus Ungeduld gefordert Sterbebeschleunigung ist nicht quantitativ sondern qualitativ!

Mit herzlichen Grüßen, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 18.04.2013 22:13:06

Liebe Frau Baezner,

eine ehrliche Antwort erhalten Sie von mir immer. Wer sollte nicht beraten? Jemand, der dies so nebenher macht, der keine exzellente Kenntnis der Symptomkontrolle und Palliativversorgung hat. Jemand, der gut gemeint, nur halbgut berät. Theorie und Praxis in der Begleitung am Lebensende sind zwei paar Schuhe. Zwei paar grundverschiedener Schuhe, wie die ausgetretenen, fleckigen Lieblingslatschen, die mich durch den Alltag begleiten und andererseits die perfekt glänzende, aber fast unbenutzten Lackschuhe mit denen manch einer in den Sarg gebettet wird. „

Warum brauchen wir die Ärzte für den Suizid? Wenn es nur darum geht, dass man das Medikament fürs Frühableben erhält, kann das doch auch jeder Apotheker oder Tierarzt auf eine amtliche Bescheinigung hin abgeben. Gesetze kann man doch anpassen, wenn es konsens in der Gesellschaft ist. Todsichere Dosierungen sind einfach zu berechnen.

Aber auch das bräuchte man nicht. Fast alle Suizidwilligen können selber Goggeln und Serven. Da gibt es Tipps und Tricks in ausreichender Zahl wie man leidfrei und auch ästhetisch aus dem Leben scheiden kann.

Vielleicht noch einmal ganz klar. Jeder Sterbewunsch ist legitim und auch legal. Für die Beihilfe zum Suizid braucht es keinen Arzt und andersherum. Welcher Mensch geht denn zum Arzt und bittet um Suizidbeihilfe? Niemand! Ich werde gebeten die todbringende Spritze zu verabreichen. Aber beides ist für mich etwas, für das ich mit dem Berufsbild „Arzt“ nicht zuständig bin. Wenn unsere deutsche Gesellschaft meint, im Rahmen deren vorherrschenden ethischen Vorstellungen den Suizid standardisiert unterstützen zu wollen, dann sollen Sie bitteschön den Beruf oder eher die Funktion des Sterbebeschleunigers einführen.

Warum sollte der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit grausam und inhuman sein. Sicher, für die Angehörigen kann es eine gefühlt kaum erträglich lange Zeit des Wartens und Abschiedsnehmens werden. Aber nicht für den Patienten, der dabei auch in den Tod hineindämmern kann, vom Palliativmediziner oder auch dem normalen Hausarzt gut symptomkontrolliert medikamentös versorgt. Wenn der Patient sich zum Suizid entscheidet, darf diese Entscheidung niemals und unter keinen Umständen von den Wünschen ungeduldiger Angehörige zu getriggert und getrieben werden.

Der Unterschied zwischen dem liebevoll, wartenden Begleiten und der aus Ungeduld gefordert Sterbebeschleunigung ist nicht quantitativ sondern qualitativ!

Mit herzlichen Grüßen, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 18.04.2013 22:13:09

Lieber Herr Sitte,
Sie haben recht: ein selbstbestimmtes Sterben unter erträglichen Umständen ist auch ohne ärztliche Assistenz möglich. Aber Ihr Rat an Schwerstkranke, sich "Tipps und Tricks" aus dem internet zu ziehen, um Medikamente "fürs Frühableben" zu finden, grenzt an Zynismus. Es geht schliesslich nicht nur um pharmako-technologisches know-how, sondern um einfühlsame Begleitung und Stützung in einer existentiellen Grenzsituation. Und dazu sind Sie, die Ärzte, die Fachärzte, nun einmal besser ausgebildet - oder sollten es doch sein - als ein noch so verständnisvoller Laie. Es ist eines verantwortungsbewussten Arztes schlichtweg unwürdig, einen hilfesuchenden, leidenden Menschen lieber dem Risiko eines missglückten Suizidversuches auszusetzen, als sich seines Eides zu erinnern, wonach er Schaden vom Patienten abzuwehren und Leiden zu mindern hat.
In unserer Diskussionsveranstaltung letzte Woche in Berlin wurde auch das "Belgische Modell" vorgestellt, das neben allen legalen Hilfsmöglichkeiten der Leidensverkürzung in Extremfällen auch die strafbewehrte aktive Sterbehilfe unter sehr strengen Auflagen toleriert. Durchgeführt von den gleichen Ärzten, die auch Palliativcare anbieten. Diese Ärzte sind keine Monster, sondern handeln nach den gleichen ethischen Grundsätzen wir ihre deutschen Kollegen - die wahrlich keinen Grund haben, DIE ärztliche Ethik für sich alleine zu beanspruchen.
Das Argument, wonach der Patient Angst bekomme vor einem Arzt, der eventuell auch Freitodhilfe leistet, ist eindeutig widerlegt: Im Gegenteil wird der suizidwillige Kranke überhaupt erst dann mit seinem Arzt über seine Ängste und Wünsche reden, wenn er nicht befürchten muss, von vornherein auf Verurteilung und Ablehnung zu stossen. In Belgien jedenfalls ist laut eindeutiger Umfrageergebnisse seit Einführung des Gesetzes zur Euthanasie und Palliativ-Pflege von 2002 das Vertrauen der Patienten in ihren Arzt deutlich gestiegen. Dort steht in Art.3 § 2.1, dass der Arzt nur dann hilft, wenn er zusammen mit seinem Patienten zur Überzeugung gelangt ist, dass es keine andere vernünftige medizinische Lösung in seiner Situation gibt. Selbstverständlich verfügt der Arzt über genaue Kenntnisse der adäquaten Mittel, um seinem Patienten einen sanften, leidensfreien Tod zu garantieren. Seine Entscheidung muss absolut freiwillig getroffen worden sein, d.h. dass keine andere Person ihn unter finanziellen, psychosozialen oder Beziehungsdruck gesetzt hat.

Freundliche Grüsse
Elke Baezne

geschrieben am: 24.04.2013 02:48:37

Liebe Frau Baezner,

nun habe ich doch einige Tage Nachdenkens gebraucht. Ich habe eine persönliche Bitte an jeden, der sich damit auseinander setzt, wie Menschen leben und sterben sollten: es kann und darf nicht sein, dass die Gruppe Menschen, die Sterbende einfühlsam begleitet, auf uns Ärzte reduziert wird, sobald es um die Sterbebeschleunigung geht.

Solange wir Leben (auch im letzten Abschnitt) lebenswert gestalten und erhalten, ist wie selbstverständlich ein multiprofessionelles Team gefragt. Sicher sollten auch die Ärzte, die so begleiten, entsprechend geschult in Gesprächsführung sein, die notwendige Empathie und Erfahrung besitzen und vertiefen. Das gilt aber genauso für jeden, der begleitet. Egal, ob es ehrenamtlich oder hauptberuflich ist. Egal, ob ich Physiotherapeut, Krankenpflegeperson, Arzt, Seelsorger oder anderes bin.

Jeder sollte zuhören können und meist die richtigen Worte finden.

Jeder sollte sich die notwendige Zeit nehmen wollen und auch nehmen können.

Jeder sollte im Team arbeiten und dem Team die rechten Informationen weiter geben oder auch für sich behalten können!

Jeder sollte als fachlicher Experte hochqualifiziert sein und über den Tellerrand seines Gebietes hinausblicken können und sich auch abseits davon etwas auskennen

Das fordere ich von wirklich jedem der Beteiligten.

Warum nur sollte nur die Kunst des heilenden und lindernden Begleitens geeignet sein, das Sterben zu gegebener Zeit zu beschleunigen oder herbeizuführen? Das ist für mich weder logisch noch nachvollziehbar. Lassen Sie uns doch bitte überlegen, wer noch außer langjährig ausgebildeten und erfahrenen Ärzten geeignet sein könnte, beim Suizid zu beraten und auch Hand anzulegen, wenn es denn so gewünscht wird!

Ich glaube, dass Menschen, die anderen beim Suizid (gelegentlichst und in verzweifeltster Situation) helfen oder gar töten keinesfalls Monster sind. Menschen wie „Dr. Death“ Harold Shipman in England wohl doch.

Zuerst sollten wir herausfinden, dass niemand sonst geeignet sein sollte. Gibt es dazu denn keine Überlegungen auf die wir zurückgreifen können? Ich bin sicher kein Experte auf dem Gebiet der Sterbe- mehr für die Lebenshilfe und kann deshalb die Studienlage und Gedankenspiele nur unzureichend überblicken. Helfen Sie mir, dies zu ändern? Wer weiß, wie wir uns dann schließlich annähern oder unsere Standpunkte festigen.

Das waren jetzt eher unübliche Gedanken zum ausklingenden Sonntag.

Mit herzlichen Grüßen, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 28.04.2013 22:26:31

Lieber Herr Sitte,
Wie könnte man nicht einig sein mit Ihren Vorschlägen zu den Kompetenzen der Berater und Begleiter? Aber Sie wissen so gut wie ich, dass das im Krankenhausalltag und im Alters- und Pflegeheim bei weitem nicht so ideal abläuft, zumal dann nicht, wenn Sie nur Kassenpatient sind. Das ist viel Wunschdenken, sollte uns aber nicht daran hindern, auf dieser Ideal hinzuarbeiten.
Lassen Sie mich dazu einen Ihrer kanadischen Kollegen zitieren. Dr.Georges L'Espérance schreibt in seinem jüngsten Aufsatz: Ende des Lebens und Leben ohne Ende...: "Als Ärzte sind wir dazu da, um unseren Mitmenschen zu helfen, mit allen Mitteln, die uns die moderne Medizin und die Technologie zur Verfügung stellen, aber vor allem durch Zuhören, Verständnis und der nötigen Demut. Das sind meiner Meinung nach die Qualitäten, von denen sich diejenigen unter uns leiten lassen sollten, die den Menschen bis zum letzten Akt erleichternd beistehen wollen.
Was das Lebensende anbelangt, so sollte man nicht vergessen, dass in den letzten 100 Jahren die Lebenserwartung des Menschen sich fast verdoppelt hat... Viele Personen am Lebensende, besonders die mit neurodegenerativen Krankheiten, hätten nicht dieselbe Lebenserwartung gehabt ohne die Hilfe der Medizin. Wenn sie jedoch an den Punkt kommen, wo die Unzumutbarkeit ihrer Lebensumstände die Annehmlichkeiten weit überwiegen, sind wir genau in der Zone, wo wir die Wohltaten der Medizin und die Nicht-Leidensverlängerung gegeneinander abwägen müssen. Hier muss die Medizin aufhören, paternalistisch zu sein, und stattdessen begleitend und human wirken... Warum sollte man den Menschen, die dies ausdrücklich und wiederholt und eigenverantwortlich wünschen, eine menschliche, medizinische, gut begleitete Sterbehilfe vorenthalten, die ihnen hilft, ihren letzten Akt von Autonomie als menschliches Wesen zu verwirklichen? Wer wäre dazu besser in der Lage als der Arzt oder der gut ausgebildete Pfleger...?"
Einverstanden mit der praktischen Durchführung der Sterbehilfe z.B.auch durch Pfleger, sofern sie die erforderlichen Qualitäten aufweisen. Aber auch bestens ausgebildete Pfleger, meine "Sterbeammen", können in Deutschland ohne ein ärztliches Rezept über ein geeignetes, meist verschreibungspflichtiges Medikament nicht helfen, und ein korrekter Arzt stellt dieses Rezept nur aus, wenn er den Sterbewilligen gesehen, beraten und das Zusammenwirken mit bestehenden Medikamenten abgeklärt hat.
Darüber müssen wir reden.

Herzlich
Ihre Elke Baezner

geschrieben am: 02.05.2013 03:59:11

Liebe Frau Baezner,

immer wieder wird gefordert – und das tun aus Sie! – wir brauchen Ärzte und Medikamente für die Sterbehilfe.

Wir Ärzte sollten uns nicht ausschließlich auf Mutmaßungen und Erfahrungswissen verlassen. Eine gute Therapie, gerade auch mit Medikamenten, sollte immer auch wissenschaftlich fundiert sein. Nun sind Medikamente auf ihre Wirkung untersucht, wie sie heilen oder lindern können. Vieles wird trotzdem eher empirisch verordnet, teils „off-label“, also außerhalb der gesetzlichen Zulassung. Aber meist gibt es auch dann zumindest eine gewisse Datenlage, wie und warum dieses oder jenes Medikament für eine Indikation eingesetzt wird.

Welche Medikamente sollten nun warum für Tötung geeignet sein. Bedauerlich empfinde ich es, dass sich die Diskussion hier ausschließlich um Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel dreht. Ich sehe dies als besonders problematisch an, weil es dieselben Medikamente sind, die ja auch für eine notwendige Symptomlinderung eingesetzt werden. Es entsteht nun bei vielen Laien (und auch Ärzten und Pflegekräften) der Eindruck, dass diese Medikamente besonders gefährlich wären. Dadurch ist es sehr schwer zu erreichen, dass diese erprobten und sicheren Medikamente ausreichend zur Leidenslinderung eingesetzt werden.

„Es ist noch nicht so weit“, „wir müssen das jetzt einsetzen, dann leben Sie kürzer, aber besser“, „wir müssen es erst aus dem Giftschrank holen, den Schlüssel dazu hat aber nur die Leitung“, ... Da gibt es unpassende Zitate ohne Ende.

Ich denke, WENN wir fordern, dass Medikamente von Ärzten verschrieben werden müssen, damit Patienten sich töten können, sollte erst einmal geklärt werden, welche Medikamente dafür geeignet oder auch ungeeignet sind. Ich will einer Antwort auf Ihre Fragen nicht ausweichen. Aber es gibt mehrere Fragen zu klären.

Für mich als Arzt sind es die Fragen, soll und darf ich es und was wäre medizinisch ein gutes Mittel damit der Patient sicher und ohne unnötiges Leid stirbt?

Hier kommen sicher noch ganz andere Medikamente in Frage, Herzmittel zum Beispiel, die hochwirksam sind. Und auch ganz andere frei verkäufliche Stoffe! Für diese braucht es dann überhaupt keinen Arzt. Auch gibt es ja vielerlei Möglichkeiten zum Suizid und zur Tötung. Warum bemüht sich hier niemand darum, einmal eine saubere Übersicht über Tötungsmöglichkeiten zusammen zu stellen?

Wäre das eine unerträgliche Provokation? Oder nicht eher ein notwendiges Übel?

Herzlich, 
Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 10.05.2013 11:30:57

Lieber Herr Sitte,

Provokation oder notwendiges Übel? Wahrscheinlich ist Ihr Vorschlag beides. In der Tat haben viele Medikamente mehrere Einsatzmöglichkeiten. Symptomlindernd und kurierend, in der entsprechenden Menge oder Mischung auch tödlich. Es ist, wie schon Paracelsus sagte, eben die Dosis, die macht, dass es ein Gift ist. Sie haben völlig recht mit Ihrem pragmatischen Hinweis, dass es vielerlei Möglichkeiten zum Suizid und zur Tötung gibt. Diese aufzulisten, wäre vonnöten und praktisch.

Dies werden wir beide aber in diesem Forum des Gedankenaustausches übers Internet nicht tun. Die DGHS verzichtet aus gutem Grund seit mittlerweile 20 Jahren darauf, solche Hinweise in Papierform zu bringen, geschweige denn sie zu veröffentlichen. Sie und wir wollen auf keinen Fall, dass solche Hinweise in falsche Hände geraten. Es sei nur der liebeskummerkranke Jugendliche erwähnt, der in seinem akuten Herzschmerz das Leben wegwerfen möchte. Ein paar Wochen später sieht die Welt für einen solchen jungen, sonst kerngesunden Menschen schon wieder völlig anders aus.

Etwas Anderes ist es bei Menschen, die durch schwere Krankheit oder die Summe zunehmender Altersgebrechen oder Bilanzierung so weit sind, ihre Leiden abkürzen zu wollen. Diese Menschen möchten in der Mehrzahl Sicherheit und kompetente Begleitung dabei. Es gibt viele Alterssuizide, die allein und mit Hilfe frei verkäuflicher überdosierter Medikamente bewusst begangen werden. Es gibt aber auch genug Versuche, die aus Unkenntnis missglücken und Folgeschäden verursachen. Kaum jemand weiß auch, dass die regelmäßige Einnahme bestimmter Medikamente im Körper zu einer Toleranz bestimmter Wirkstoffe führen kann, sodass eine im Prinzip korrekt dosierte Überdosis dennoch nicht den Tod herbeiführt.

Es gibt einzelne Ärzte, die gut darüber Bescheid wissen. Diese sollten sich meines Erachtens untereinander verständigen und ihr Wissen weitergeben. Wir laden Sie und Ihre Kollegen ein, sich bei uns in der Geschäftsstelle des Vereins zu solchen Treffen zu melden. Am 28. Mai 2013 beginnt in Hannover der diesjährige Deutsche Ärztetag. Reden Sie dort miteinander! Reden Sie mit uns!

Freundliche Grüße

Elke Baezner

geschrieben am: 21.05.2013 09:08:10

Liebe Frau Baezner,



Ein Diskurs über die Praxis des Suizides: Provokation oder notwendiges Übel? Dabei sollten wir nie vergessen, dass nicht die Suizidassistenz das ist, was Patienten wünschen, sondern meist eine Tötung auf Verlangen. Sie wissen dabei so gut wie ich, wie gleitend die Übergänge sind von der Suizidassistenz zur Tötung auf Verlangen, von der Tötung auf Verlangen zur Tötung ohne Verlangen, ...

Wir werden hier sicher keine praktischen Ratschläge zur Durchführung eines Suizides führen. Aber ich fordere einen solchen offenen Umgang, wenn man die Auffassung vertritt, dass ein ärztlich begleiteter Suizid „besser“ sei, als eine Begleitung durch nicht-Ärzte. Gerade jetzt, wo die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben im Rahmen des Ärztetages die Ärzteschaft aufruft sich nicht den Mund und auch nicht die Hand verbieten zu lassen.

Hat die DGHS sich eigentlich die plakative Aussage wirklich bewusst und gut überlegt: „Ärzte, lasst Euch nichts verbieten!“ Ist es denn nicht gerade so, dass das Volk den Mächtigen Zügel anlegen und sie in Schranken halten muss? Und Ärzte haben mehr Macht über Leben und Tod als die meisten Politiker. Gibt es nicht immer wieder Menschen, auch Ärzte, die ihre Macht missbrauchen? Sei es in skrupellosem Eigennutz oder in falsch verstandenem, altruistischen Pseudomitleid? Wir haben sie doch immer wieder, die furchtbaren Fälle, wo einzelne –zig Menschen töten, weil sie meinen, deren Leiden beenden zu müssen.

In welchen Kreisen sollten wir diskutieren? Das weiß ich nicht, vielleicht haben Sie Vorschläge? Aber eine Diskussion, offiziell und mit Experten aus Ethik, Recht und Versorgung, sowie Entscheidern, muss stattfinden. Ich stehe Ihnen gerne zu einem Treffen zur Verfügung. Gerne in Ihren Räumen, gerne bei uns und gerne auch auf Einladung einer anderen Institution.

Viele Grüße aus dem sonnigen Fulda. Leben lohnt sich, bis zuletzt. Auch wenn es immer wieder trübe aussieht, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 28.05.2013 15:16:38

Lieber Herr Sitte,

„Das Leben lohnt sich – bis zuletzt“ ist nicht mehr als eine harmonisierende Illusion. Die Wirklichkeit sieht am Lebensende jedoch oft anders aus.

Die heutige Gesellschaft fordert, dass ihr Wunsch, unter bestimmten Umständen nicht weiterleben zu müssen, respektiert wird. Menschen, die nach ernsthafter Überlegung und aus nachvollziehbaren Gründen sterben wollen, soll dies legal ermöglicht werden, unter Einhaltung strenger Sorgfaltskriterien, die die Missbrauchs-Gefahren, über die wir uns völlig einig sind, minimieren. Die Macht der Ärzte über Leben und Tod ist missbrauchbar, aber die Angst vor Missbrauch ist das schlechteste Argument gegen Neues. Die Lateiner sagen: Abusus non tollit usum. Wie oft habe ich in Diskussionen über die „Freigabe“ bisher verbotener Handlungsweisen von konservativer Seite gehört, dass ein Mehr an Freiheit missbraucht werden könnte. Diesem Risiko stehen jedoch die weit größeren positiven Auswirkungen gegenüber. Wäre man dem Risiko-Argument gefolgt, hätten wir weder die Aufklärung noch den modernen Rechtsstaat.

Ich bin überrascht, dass ausgerechnet Sie als Arzt Bedenken äußern gegen das Verantwortungsbewusstsein Ihrer Kollegen. Wenngleich ich nicht naiv genug bin zu glauben, DIE Ärzte seien über jeden Zweifel erhaben, halte ich dennoch die Mehrzahl der deutschen Ärztinnen und Ärzte für verantwortungsvoll handelnde Menschen, die sich dem ärztlichen Ethos und dem Genfer Gelöbnis verpflichtet fühlen und gerade deshalb bereit sind zu helfen. Nicht Polemik und Angstmacherei, sondern eine seriöse öffentliche Diskussion mit Vertretern aus Ethik, Recht, Krankenkassen und Politikern, aber auch Patientenschutzorganisationen wie der DGHS ist in der Tat überfällig.

Einer unserer Leser, Hermann B. argumentierte: „Ich plädiere dafür, (..) sich generell von der Illusion zu verabschieden, mit Vertretern der orthodoxen (Montgomery-)-Ärzteschaft jemals einen Konsens erreichen zu können. (...) Ich schlage deshalb vor, auf einen ganz neuen Berufsstand zuzuarbeiten, (...) den des gesetzlich, juristisch und sozial anerkannten und legitimierten BERUF des Sterbehelfers!“ Was halten Sie davon?

Herzliche Grüße

Ihre Elke Baezner


geschrieben am: 10.06.2013 10:50:28

Liebe Frau Baezner,

„Leben lohnt sich – bis zuletzt“ ist ist eine Zielvorgabe. Sicher kann niemand vorher sagen, was dieses lohnen in Rappen und Franken, Mark und Pfennig ausmacht. Vielleicht ist es auch wie im sportlichen Wettkampf, dass viele sehr, sehr viel trainieren. Etliche an Wettkämpfen teilnehmen, aber nur wenige dann wirklich auf dem Treppchen stehen.

Aber es liegt an mir persönlich, was ich daraus mache.

Ich habe etliche Suizide im privaten und beruflichen Umfeld erlebt. Bei keinem möchte ich dies bewerten, ob es „gut“ und „richtig“ oder „zu früh“ oder „medizinisch unangebracht“ zu diesem Zeitpunkt war. Aber ich möchte mich doch ganz klar verwehren dagegen, dass unsere Arbeit der Palliativversorgung mit dieser anderen Art der „Sterbehilfe“ fortwährend vermengt wird. Ich glaube, wir kommen in unserer Diskussion auch allmählich dahin zu trennen zwischen Symptomkontrolle in schwerer Krankheit und Sterbebeschleunigung oder Todesherbeiführung. Dies sind grundlegend verschiedene Themenkomplexe, die sicher Überschneidungen haben können, aber deren mathematische Schnittmenge doch viel kleiner ist, als der Durchschnittsbürger sich dies beim mehr oberflächlichen Lesen und abwägen der Argumente vorstellt. Gehen wir da konform?

Dass „die Angst vor Missbrauch das schlechteste Argument gegen Neues“ ist, ist ein gutes Argument von Ihnen. Trotzdem möchte ich die Möglichkeit der breiteren, etablierten Suizidassistenz oder auch sauberer (!?) der Tötung auf Verlangen nicht unbedingt als ein Mehr an Freiheit verstehen. Hier müsste der Begriff „Freiheit“ erst einmal sauber definiert werden. Generell halte ich die Mehrzahl der Ärztinnen und Ärzte für verantwortungsvoll handelnde Menschen, wie dies auch die Mehrheit der anderen Menschen ist. Trotzdem sehe ich z.B. aus dem Abraham-Versuch, wie aus den Erfahrungen in totalitären Systemen wie leicht Macht missbraucht werden kann.

Zur Idee des Berufs Sterbehelfer, der in dieser Diskussion aufblitzte und nun thematisiert wird: diese Bezeichnung ist passend. Sie ist wertfrei, sie beschönigt oder verteufelt nicht. Ich stände, wie ich es eingangs wohl deutlich gemacht habe, für diesen Beruf nicht zur Verfügung. Ich glaube, der Gedanke an ein Berufsbild „Sterbehelfer“ und die daraus zwangsläufig folgende Diskussion ein möglicher Weg um in einem gesellschaftlichen Prozess darüber nachzudenken, wie diese Art von Sterbehilfe gedacht und gelebt werden könnte.

Herzliche Grüße aus dem hochsommerlichen Fulda, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 19.06.2013 21:07:33

Lieber Herr Sitte,
Sie sprechen im Zusammenhang mit der Freiheit des Sterbenskranken, selbst den Zeitpunkt seines Todes zu bestimmen, von "Tötung auf Verlangen", ein Begriff, den Sie für "sauberer" halten als Suizidassistenz. Gleichzeitig beklagen Sie sich, dass die Palliativversorgung, also Symptomkontrolle in schwerer Krankheit, fortwährend vermengt werde mit "Sterbehilfe", Sterbebeschleunigung und Todesherbeiführung. Wie wollen Sie von Aussenstehenden erwarten, die Begriffe und damit die Inhalte korrekt zu trennen, wenn Sie selbst wider besseres Wissen zur Konfusion beitragen ?
Der Jurist Lutz Barth verlangt in seinem jüngsten Newsletter IQB, dass die Frage der richtigen Hilfe zum richtigen Zeitpunkt nur aus der "Innenperspektive" des Kranken heraus zu beurteilen sei. Nur so lässt sich vermeiden, dass Dritte gegen den ausdrücklich und unmissverständlich erklärten Wunsch eines entscheidungsfähigen Sterbewilligen handeln, wenn dieser trotz kompetentester Beratung mehr verlangt als Leidensminderung durch palliativmedizinische Hilfe.
Aber auch eine mögliche und gar nicht so seltene missbräuchliche Beschleunigung des Sterbens gegen den Willen des Sterbenden ist nur zu verhindern, wenn der Respekt vor den ureigensten Kriterien des Kranken oberstes Handlungsprinzip bleibt.

Sie scheinen einem noch zu schaffenden Beruf des Sterbehelfers, der "Sterbeammen", kritisch, aber interessiert gegenüber zu stehen. Ärztlich assistierte, jedoch an sehr seriös ausgebildete Freitodbegleiter delegierte Sterbehilfe also. Ich orientiere mich dabei an den von Universitätsinstituten auf ihre Eignung getesteten und am Schluss der Ausbildung geprüften Freitodbegleitern von EXIT Dt.Schweiz. Die Sorgfaltskriterien für diese Tätigkeit wurden von einer vereinsinternen Kommission, bestehend aus Ärzten, Ethikern, Pastoren und Juristen festgelegt und werden streng überwacht. Der Ft-Begleiter prüft die Anfrage des Sterbewilligen aufgrund der notwendigen ärztlichen Rapporte und persönlichen Gesprächen, zieht, wenn die Voraussetzungen gegeben sind, einen Arzt zu, der natürlich vor jeder Rezeptierung des Medikamenets den Patienten gesehen und beraten haben muss, und kann dann mit oder ohne die Anwesenheit des Arztes die Freitodbegleitung durchführen.

Sie mögen sich dieses Verfahren für Ihre Person nicht vorstellen. Aber wenn Sie sich mit dem Grundprinzip anfreunden könnten, kämen wir voran mit unserer Diskussion.

Herzliche Grüsse aus Genf
Ihre Elke Baezner

geschrieben am: 29.06.2013 02:34:29

Liebe Frau Baezner,

auf den ersten Blick sieht es grausam aus, einen bevorstehenden Tod nicht schneller herbeizuführen zu wollen, sondern im natürlichen Lebensverlauf geschehen zu lassen. Meine Antwort hierauf muss weniger medizinisch sein, sondern mehr philosophisch.

Zunächst einmal, warum ist es für mich ein Unterschied, ob ein Tod natürlich verlaufend (z. B. binnen Tagen bei Verweigerung weiterer lebenserhaltender Therapie, z. B. Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, auch unter gleichzeitiger, symptomkontrollierender Sedierung) oder induziert (z. B. binnen kurzer Zeit beim Suizid in jeder Form, Tötung auf Verlangen und Ähnlichem) eintritt?

Wenn ich ein Sterben natürlich geschehen lasse, ohne es durch medizinische Maßnahmen weiter aufzuhalten, so ist das in unserem Kulturkreis endlich allgemein akzeptiert. Es wird als menschlich, religiös (christlich), rechtlich und medizinisch erlaubt und korrekt bewertet.

Wenn ich in Sterben eingreife, um den Tod gewollt früher herbeizuführen, greife ich auch in das Leben verkürzend ein. Diese beabsichtigte Lebensverkürzung (oder Sterbebeschleunigung, wie ich sie in guter Absicht genannt habe), kann von den Handelnden in bester, integrer Absicht geschehen. Es mag hier auch auf den ersten Blick darum nur ein Unterschied im zeitlichen Ablauf zu sehen sein (quantitativ); auch weil der natürliche Prozess Tage dauert, die Suizidassistenz nur Stunden und damit doch Warten-müssen weniger zumutbar für alle Beteiligten ist.

Die bewusste, künstliche Verkürzung des Lebens und Herbeiführung des Todes ist jedoch durch die Intention der Lebensverkürzung etwas grundlegend (qualitativ) anderes als ein Hinnehmen des Todes in normalen zeitlichen Verlauf. Deshalb muss die beabsichtigte Sterbensverkürzung auch menschlich, religiös (christlich), rechtlich und medizinisch grundlegend anders bewertet werden. Es ist zu einfach und nicht legitim, dass es „für Angehörige nicht zumutbar“ sei, einen natürlich verlaufenden Sterbeprozess aushalten zu müssen. Angehörige haben hier kein Recht, das Recht über das eigenen Leben und Sterben kann nur der Mensch selber haben (je nach religiöser Einstellung durch diese nochmals beeinflusst).

Aber ich begebe mich jetzt auf ein für mich unsicheres Terrain, da ich zwar medizinisch sicher eine gute Expertise habe, menschlich, religiös (christlich), rechtlich aber nur als „normaler“ Mensch denke und handele.

Mit den besten Grüßen für eine sonnige Sommerpause und viele gute Gedanken, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 16.07.2013 08:11:42

Liebe Leser,

diese Website hat etliche Diskussionen angestoßen, wie wir gehört haben. Wir würden uns über schriftliche Rückmeldungen sehr freuen! Wir überlegen, eventuell die Diskussion und Kommentare einmal in gedruckter Form zusammenzufassen. So können wiederum Kreise von Menschen erreicht werden, die auf diesem Wege mit dem Internet nicht zu erreichen sind.

Jetzt werden wir erst einmal eine Sommerferienpause bis Ende August machen und danach weiter in der begonnenen Form weiter diskutieren.

Deshalb wünschen wir Ihnen einen sonnigen Sommer, gute Erholung und ausreichend Zeit zum Nachdenken. Die haben die meisten von uns in unserer hektischen Zeit dringend nötig.

Für die Verfasser

Thomas Sitte

geschrieben am: 16.07.2013 08:17:11

Liebe Frau Baezner,

nun herrschte zwei Monate Funkstille in der „Sterbehilfediskussion“ und wir wollen den Faden wieder aufgreifen.

Es mag jetzt vielleicht sinnvoll sein, einige Standpunkte zusammenzufassen:

Wir Beide ...
... respektieren den Willen des Patienten und die Würde des Menschen.

... akzeptieren Suizid als eine Handlung in der Hand des Individuums.

... wollen Suizid möglichst überflüssig machen.

... fordern deswegen eine angemessene hospizlich-palliative Versorgung.

.... erachten Suizid als qualitativ anders als Tötung auf Verlangen.

... sehen in der Beratung Suizidwilliger einen Weg Alternativen aufzuzeigen.

... wissen, dass Palliativversorgung nicht für Jeden die Lösung der Wahl ist.

Gehen Sie damit konform? Gibt es noch andere wichtige Punkte, in denen wir (bei allen sonstigen Differenzen!) übereinstimmen?

Am 1. Oktober werde ich im Kurhaus Bad Homburg u. a. mit dem bekennenden Sterbehelfer (ich hoffe, ich darf so sagen) Dr. Uwe-Christian Arnold diskutieren zum Thema „Würde und Eigenverantwortung am Ende des Lebens. Palliativmedizin oder Sterbehilfe?“. Ich hoffe, diese Diskussion wird ähnlich sachlich werden, wie die unsere.

Mit besten Grüßen, Ihr

Thomas Sitte

geschrieben am: 19.09.2013 17:25:53

Lieber Herr Sitte,

ja, wir sind uns weitgehend einig in den von Ihnen aufgeführten Punkten. Wir respektieren das Recht jedes einsichtsfähigen, entscheidungsfähigen Menschen, über sein Leben, auch über sein Lebensende, selbst zu bestimmen, weil Selbstbestimmung und Eigenverantwortung die Basis der Menschenwürde ausmachen.

So sehen es auch die meisten der prominenten Teilnehmer Ihrer Podiumsdiskussion in Fulda vom Oktober 2012. Für Ihren Tagungsband, ein instruktives, zum Nachdenken anregendes Büchlein, mache ich hier gern Reklame. So sagt Frau Prof. Dr. iur. Ruth Rissing-van Saan: „Das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen ist selbst dann zu respektieren, wenn der Patient es ablehnt, einen lebensrettenden Eingriff oder eine lebenserhaltende medizinische Massnahme zu dulden … Wer dies nicht beachtet oder gegen den Patientenwillen zum Beispiel eine künstliche Ernährung mittels einer PEG-Sonde durch- oder fortführt, macht sich wegen Körperverletzung strafbar.“ Darüber wissen trotz eindeutiger Gerichtsurteile, z. B. im „Fall Putz“ viele Ärzte, Pfleger, Heime, Krankenhäuser immer noch nicht Bescheid. Weder die Ärzte noch die Pfleger und erst recht nicht die Patienten und ihre Familien sind hinreichend aufgeklärt über ihre Rechte. Es herrscht ebenfalls Verwirrung bei der korrekten Anwendung der Begriffe. Was ist Sterbehilfe, Beihilfe zum Suizid, rechtlich erlaubter Behandlungsabbruch, wann ist es strafbare vorsätzliche Tötung und Tötung auf Verlangen, was ist terminale und palliative Sedierung? Denn in der Verwendung eines Wortes liegt bereits eine Wertung, gar eine moralische Verurteilung.

Ich fordere über den Ausbau einer angemessenen hospizlich-palliativen Versorgung hinaus auch das Recht auf Beihilfe zum ärztlich unterstützten Suizid nach klaren Sorgfaltskriterien, in aller gebotenen Legalität und Transparenz. Bisher darf auch ein Arzt in Deutschland nur Medikamente verschreiben mit dem Therapieziel der Heilung oder Leidensminderung. Der Sterbewillige hat zwar kein Recht, dass ihm der Staat geeignete Sterbemittel zur Verfügung stellt. Er sollte aber das Recht haben, dass der Staat ihn nicht daran hindert, das entsprechende Angebot eines Arztes wahrzunehmen. Um den legalen Zugang zu den Medikamenten oder Medikamentenmixen, die ein sanftes, menschenwürdiges Sterben ermöglichen, zu sichern, bräuchte es deshalb entsprechende Änderungen im Betäubungsmittelgesetz.

Sind wir uns auch darin einig?

Herzlich
Elke Baezner

geschrieben am: 02.10.2013 09:04:19

Liebe Frau Baezner,

wie Sie eigentlich wissen: in 90% sind wir uns wohl "zu 100%" einig. In vielleicht 10% bleibt es vollkommen divergent. Für mich ist ein juristisches Recht auf Selbstbestimmung und eine juristisch einwandfreie Straffreiheit für eine Suizidassistenz nichts damit zu tun, eine Sache. Selber Hand an sich legen, sich beim Suizid helfen lassen, genauso auch Töten mit und ohne Verlangen eine moralisch für mich völlig anders zu wertende Angelegenheit.

Sie haben heute vielleicht im Zeitmagazin schon den Artikel gelesen "Ich habe abgetrieben". Auch ich habe abgetrieben, auch deutlich jenseits der 20. Woche (was man dann tut, nennt man euphemistisch "Morcellemt". Das klingt doch fast poetisch ...). Doch ich glaube nicht, dass es richtig ist, was Ärzte da tun. So ist es für mich am Ende des Lebens moralisch nicht anders. Moral ist eine andere, eine rein persönliche Instanz, denke ich. Allerdings kann man hier sicher auch verallgemeinern, um zu überlegen, welche Moral – neben juristischen Auslegungen und Spitzfindigkeiten – wohl für eine Gesellschaft und das gute Zusammenleben angemessen ist.

Sie schrieben "Ich fordere über den Ausbau einer angemessenen hospizlich-palliativen Versorgung hinaus auch das Recht auf Beihilfe zum ärztlich unterstützten Suizid nach klaren Sorgfaltskriterien, in aller gebotenen Legalität und Transparenz ..... Der Sterbewillige hat zwar kein Recht, dass ihm der Staat geeignete Sterbemittel zur Verfügung stellt. Er sollte aber das Recht haben, dass der Staat ihn nicht daran hindert, das entsprechende Angebot eines Arztes wahrzunehmen. "

Hier kann ich mit keiner einzigen Aussage konform gehen. Ich fordere, dass – wenn die Gesellschaft die eigenhändige Herbeiführung des Todes als gesellschaftliche Aufgabe sieht – dieses von anderen Strukturen umsetzen lässt als von der Ärzteschaft. Sicher werde ich auch dafür eintreten, dass solche organisierte Suizidassistenz überhaupt nicht kommt, noch mehr werde ich dafür kämpfen, dass sie nicht durch Ärzte umgesetzt werden DARF! Jemand der beim Suizid assistiert, braucht dafür weder Facharztweiterbildung noch Medizinstudium. Ganz sicher auch keine ärztliche Approbation.

Wo wir wieder konform sind, dass wir beide glauben, dass eine intensive Beratungsmöglichkeit durch Experten verfügbar sein muss, wenn Suizidwillige Hilfe suchen, welcher Form auch immer. Pro Familia und Donum vitae nicht nur am Lebensanfang,
auch am Lebensende braucht es wertfreie Beratung.

Beste Grüße

Thomas Sitte

geschrieben am: 24.10.2013 18:32:46

Lieber Herr Sitte,

was unsere Leser interessiert, sind diese 10 % der Divergenzen. Sie meinen: „Jemand, der beim Suizid assistiert, braucht dafür weder Facharztweiterbildung noch Medizinstudium. Ganz sicher auch keine ärztliche Approbation.“
Natürlich kann man sich mit dem Strang, mit der Pistole, mit Rattengift oder Diabetes-Medikamenten und Medikamenten-Mixen aus der Hausapotheke das Leben nehmen. Man kann auch von der Brücke, aus dem 3.Stock des Krankenhauses oder vor den Zug springen. Mit Menschenwürde hat das aber nichts zu tun.

Nur Ärzte können (oder sollten es zumindest können) beurteilen, welches Medikament in Zusammenhang mit den vom Schwerkranken i. a. schon lange eingenommenen anderen Mitteln wie wirkt. Die Verantwortung, dies zu beurteilen und dann die richtige Dosierung des bestgeeigneten Medikaments einzusetzen, dürfen sie nicht auf einen medizinischen Laien abwälzen. Der Leidtragende, wenn es schief geht, wäre gerade der verzweifelte Sterbewillige.

Der Arzt hat über den Rezeptblock das Monopol für den Zugang zu suizidgeeigneten Medikamenten. Er darf sich nicht so leicht aus der Affaire ziehen und das „schmutzige Geschäft“, als das die Ärzteorganisationen und manche Politiker die Beihilfe zum Sterben betrachten und auch so nach außen kommunizieren, anderen überlassen.

Die nötige VOR-Beratung könnte durch speziell ausgebildete Personen erfolgen und nicht in Frage kommende Fälle anderen Instanzen zugeführt werden, sofern der Betroffene das will. Das enthebt den Arzt nicht der Verpflichtung zur eigenen Anamnese und Beurteilung, aber es bliebe ihm wertvolle Zeit erspart.

Was die Moral anbelangt, zitiere ich den großen katholischen Theologen und Ethiker, Hans Küng: „Natürlich kann ich verstehen, dass man in Deutschland, wo das verbrecherische Nazisystem Tausende von Menschen als „lebensunwertes Leben“ eingestuft und der Vernichtung anheimgegeben hat, beim Thema Sterbehilfe höchst zurückhaltend ist. Aber (...) noch weniger verstehe ich, dass man gerade in einem Land mit dieser Vergangenheit sich gegenüber anderen Ländern (Niederlande, Belgien, Schweiz, einzelne amerikanische Bundesstaaten) moralisierend wieder einmal aufs hohe Ross setzt und gegen den selbst verschuldeten „Sterbetourismus“ hetzt, gleichzeitig jedoch alle Ansätze zu einer konkreten gesetzlichen Lösung des Problems Sterbehilfe verhindert. Welche Scheinheiligkeit!“ (Hans Küng: "Erlebte Menschlichkeit", Piper Verlag 2013, Seite 650)

Ihre

Elke Baezner

geschrieben am: 04.11.2013 10:42:36

Liebe Frau Baezner,

die ständigen Forderungen, dass wir Ärzte zum Suizidbeistand und zur Tötung brauchen, werden durch die Wiederholung nicht wahrer.

Ärzte lernen nicht während des Studiums zu töten.

Ärzte lernen auch kein richtiges Töten während der Facharztweiterbildung.

Ärzte lernen es auch nicht, wie viel von welchen Medikamenten man noch extra braucht, um sicher aus dem Leben zu scheiden oder geschafft zu werden.

Also wozu fordern Sie Ärzte, wenn vielleicht 98% dieser Berufsgruppen vom Töten nur einen Bruchteil dessen verstehen, was Tierärzte oder Jäger meisterlich beherrschen?

Doch etwas anderes treibt mich aktuell um. Es ist die Diskussion über den Belgischen Weg, dort sollen nun auch endlich Kinder von ihrem unerträglichen Leid erlöst werden dürfen. Wer definiert dann eigentlich was, wer sagt, wer Leiden nicht mehr ertragen kann und auch ob man es nicht anders (mit VIEL mehr Aufwand natürlich wieder lebenswert machen kann)? Wer will sich anmaßen, zu entscheiden, ein Kind sei es „nur“ krank oder sogar (?) vielleicht „behindert“ leben oder sterben soll?

Ich will und kann das nicht. Sterben erlauben, sterben lassen ist qualitativ etwas völlig anderes, als zu töten oder den Suizid zu fördern. Ludwig Greven hat in er sonst so liberalen und eher „sterbehilfefreundlichen“ ZEIT-ONLINE treffend kommentiert: Kinder brauchen Beistand bis in den Tod, nicht die Giftspritze.

Ich möchte dies nicht korrigieren, nur ergänzen:

1. Nicht nur Kinder, es gilt genauso auch für Greise.
2. Koste es, was es wolle.

Hier darf nicht gespart werden, auch wenn Suizidbeihilfe und Tötung mit und ohne Verlangen noch so verlockend ressourcenschonend ist. Blicke ich mich um in Deutschland (für BeNeLux kann ich es nicht ausreichend beurteilen), dann bin ich immer noch erschüttert, wie wenig die Möglichkeiten guter hospizlich-palliativer Versorgung bekannt sind.

Mit den besten Grüßen, Ihr

Thomas Sitte
(in wesentlichen Punkten Ihnen ganz nah, aber doch nicht immer!)

geschrieben am: 09.12.2013 20:36:58

Lieber Herr Sitte,

Ärzte lernen nicht „zu töten“, lernen nicht „richtiges Töten“, lernen nicht, „wie viel von welchem Medikament man noch extra braucht“, sagen Sie. Dann ist es Zeit, DASS sie es lernen. Allerdings nicht mit der von Ihnen suggerierten negativen Interpretation. Ärzte sollen die Interessen des Kranken verteidigen, unabhängig von Konventionen und Überzeugungen.

62 Prozent der organisierten Ärzte haben 2011 die Verbotsformulierungen zum assistierten Suizid in der Musterberufsordnung der Bundesärztekammer (BÄK) unterstützt – 38 Prozent aber nicht. Ich appelliere an diese letztere Gruppe, sich gemeinsam zu organisieren, sich gegenseitig zu informieren über geeignete Methoden und Medikamente, über ihre Rechte und Möglichkeiten. Die DGHS bietet seit einem Jahr Ärzte-Round-Tables an, unter Mitwirkung von erfahrenen Ärzten und Juristen – aber ohne „Tierärzte oder Jäger“, ein haarsträubender, menschenverachtender Vergleich Ihrerseits!

Ich wiederhole: Ärzte, besonders die Hausärzte, die im Idealfall den Patienten, seine fortschreitenden Krankheiten, sein häusliches Umfeld, seine Ansprüche und Erwartungen kennen, sind nach entsprechender Fortbildung am besten geeignet, ihren Patienten sowohl beim als auch im Notfall zum Sterben zu helfen. Unterstützt werden könnten sie dabei durch Freitod-BEGLEITER, die bei den Vorabklärungen, bei der Beschaffung der nötigen Dokumente, beim Arztbesuch, beim Einlösen des Rezeptes u. a. m. behilflich sind, die bei der Durchführung des Freitodes anwesend sind, aber nicht aktiv daran mitwirken. In der Schweiz hält dieses Modell bisher selbst der Kritik der härtesten Gegner stand.

Ganz wichtig ist eine korrekte, ideologiefreie Information und verständliche Beratung, ist die Erstellung von Sorgfaltskriterien und die Kontrolle ihrer Einhaltung. Wenn schon ein neues Gesetz diskutiert wird, dann um für den Arzt wie für den Sterbewilligen und die ihm Nahestehenden Sicherheit und Klarheit zu schaffen. Wir von der DGHS sind bereit, dazu beizutragen.
Die letzte Verantwortung für sein Leben wie für sein Sterben obliegt dem einzelnen Menschen. Eine Bevormundung durch Außenstehende widerspricht dem von der deutschen Verfassung garantierten Selbstbestimmungsrecht.


Herzliche Grüße
Ihre
Elke Baezner

geschrieben am: 21.01.2014 18:39:49

Hier ein Kommentar:

Lieber Herr Sitte,

danke für den Einblick in diese Diskussion. Ich will mich aber nur auf den vorstehenden Beitrag von Ihnen beziehen.

Natürlich ist es verstörend, wenn man einem todkranken Kind den Tod bringt. Aber dann muss man eben letztlich hinfahren nach Belgien und ganz konkrete Fälle miterleben; dann wird das Kind wohl – durch alles, was es und seine Situation einem mitteilen kann – zu einem sprechen, und dann werden auch die Angehörigen ihre Sicht mitteilen, und erst dann können Sie wohl sehen, ob man da seine Prinzipien den Betroffenen andienen kann oder, trotz Zweifeln, Unbehagen und Erschrecken sich einfach zurückhalten muss und es den direkt Betroffenen überlässt, wie mit der Situation umzugehen ist.

Ich sagte Ihnen ja schon einmal, dass ich bis auf weiteres die Euthanasie in Deutschland NICHT legalisiert sehen will – aber die moralische Verurteilung derjenigen, die dies zulassen oder tun, die kann ich nicht gut ertragen. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, was mir von einem guten Freund einmal gesagt wurde: „Niemand wird mir das im Rückblick immer wieder bestätigte glückliche Gefühl nehmen können, dass ich zur rechten Zeit meinen Vater gefragt habe, ob er (durch seinen Hausarzt) nun sterben wolle; für mich ist mehr Wahrheit in seinen fast nur noch gehauchten Worten: "Ihr habt mir ein glückliches Sterben bereitet" als in den Prinzipien, den immer wieder beschworenen, die doch immer nur darauf hinauslaufen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Aber in einer eventuellen Fortsetzung unseres Diskurses sollte es nicht weiter um Euthanasie gehen, weil vermutlich zuvor schon genug dazu gesagt wurde. Lieber möchte Ihre Meinung zur Demenzvermeidung durch präventiven Suizid (also nicht bei schon einsetzender; denn da wird es bekanntlich schwierig, noch solch einen Entschluss zu realisieren) kennen lernen. Auch möchte ich von Ihnen wissen, ob Sie Sterbefasten (also den Suizid durch freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, FVNF) den Menschen in unserem Lande über öffentliche Aussagen als Ausweg aufzeigen möchten oder die Menschen lieber unwissend lassen. Übrigens: Selbstverständlich können Ärzte lernen, auch mit anderen Methoden bei Suiziden zu helfen.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Walther, Marburg,
Autor (gemeinsam mit Boudewijn Chabot) des Buches „Ausweg am Lebensende. Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken“, Reinhardt Verlag München 2010

geschrieben am: 07.02.2014 14:24:34

Lieber Herr Walther,

nun kommen wir wohl allmählich zu Kernproblemen und Kerndifferenzen. Es gibt einige Dinge aus meiner Sicht zu klären:

In Diskussionen wird häufig vermengt:

1. Der Wunsch von unerträglichem, nicht behandelbarem Leiden erlöst zu werden

2. Der Wunsch nicht leiden zu müssen, vor dem Leiden zu sterben,
oder schlicht sein Leben aus welchen Gründen auch immer zu beenden.

Dazu sollten die Diskutanten für sich geklärt haben:

1. Ob und/oder warum es ein Unterschied ist, den Tod intendiert schnell oder langsam herbei zu führen.

2. Ob und/oder warum es ein Unterschied ist, wenn den Tod intendiert ein Nicht-Arzt oder ein Arzt herbei führt.

3. Ob und/oder warum es ein Unterschied ist, wenn den Tod
a) durch die eigene Hand,
b) mit Hilfe durch die eigene Hand
c) oder auf eigenes Bitten durch einen Zweiten herbei geführt wird.

4. Auf welcher Grundlage man zum Entschluss kommt, ob ein Mensch das Recht hat, über das Leben zu verfügen.

5. Wie ist 3 b) und 3 c) zu bewerten, wenn es
durch (langjährig) sehr nahe stehende Personen geschieht oder
durch in der Tätigkeit erfahrene Personen geschieht, die als Experten hinzugezogen werden.

Und schließlich, dies müssen wir Ärzte vermutlich unter uns ausmachen, wie darf, sollte oder muss die Rolle von Ärzten hierbei sein.

Hierbei ist für mich zu unterscheiden, die ethische, juristische und medizinische Diskussions- und Argumentationsebene. Eine Vermengung der Fragen oder Ebenen führt nur schwer zu einem Begreifen der gegenseitigen Argumente, womit wir uns gleichzeitig auf sehr dünnes Eis begeben würden.

Mit besten Grüßen

Thomas Sitte




geschrieben am: 08.02.2014 15:22:48